Seminar-Review: Vorstellung unterschiedlicher Methoden zur Verbesserung von Ängstlichkeit, Reaktivität und Aggressionsverhalten beim Hund (Nicole Pfaller)

Endlich mal wieder hab ich was zu reviewen, das ich richtig, richtig toll fand, und damit einen Grund, meinen Blog wiederzubeleben! Am Samstag hat Nicole Pfaller zum Thema “unterschiedlich[e] Methoden zur Verbesserung von Ängstlichkeit, Reaktivität und Aggressionsverhalten beim Hund” referiert. Ich glaube, dasselbe Seminar gibt es in absehbarer Zeit zwar nicht mehr, aber Nicole ist demnächst bei Sarina und Kenne von den Doglovers Graz zu Gast, um über BAT zu erzählen – das wird sich sicher teilweise mit dem heutigen Seminar decken. Wer also den Samstag verpasst hat, sollte sich den 5.9. freihalten!

Nicole 1

Je mehr Vortragende ich höre, desto mehr wird mir bewusst, wie schwierig es ist, die perfekte Mischung aus Grundlagenwissen (vs. wie viel man voraussetzen kann), weiterführender Information, illustrativen Beispielen/Anekdoten und praktichen Übungen zu finden. Natürlich ist diese perfekte Mischung auch für jede*n Einzelne*n im Publikum anders sein, weil jede*r ein anderes Vorwissen und andere Erwartungen mitbringt. Man kann bei sowas wohl immer nur für sich selbst sprechen. Für mich selbst kann ich jedenfalls sagen, dass Nicole am Samstag die perfekte Mischung getroffen hat. Mir war keine Minute langweilig, wenn Nicole bereits Bekanntes in ihren Worten erzählte, einen neuen Blickwinkel auf lerntheoretische Grundlagen warf, den einen oder anderen mir noch fehlenden Baustein in mein Hintergrundwissen einfügte …

Auch die Vorstellung der einzelnen Methoden, die auf die lerntheoretischen Grundlagen folgte, fand ich ausgesprochen spannend. Das, was man gemeinhin unter den Labels “Angst”, “Aggression”, “Reaktivität” etc. versteht, gehört für mich zu den spannendsten Verhaltensweisen, und ein wissenschaftlich und ethisch fundierter Umgang damit zu den wichtigsten Werkzeugen, die man in seine Werkzeugkiste packen sollte, wenn man mit Tieren arbeitet. Nachdem ich das selbst noch nicht so lange mache, freue ich mich jedes Mal, wenn Trainer*innen, die ich bewundere, ihr Wissen mit mir teilen.

Nicole hat 6 All-Around-Ansätze herausgegriffen und kurz umrissen, jeweils ein oder mehrere Videos zur praktischen Anwendung gezeigt sowie die lerntheoretische Hintergründe beleuchtet. Gerade der letzte Punkt hat mir ausgesprochen gut gefallen. Wenn ich weiß, warum das, was ich mache, wirkt, kann ich es viel bewusster einsetzen und für eine bestimmte Trainingsstrategie argumentieren. Und die Basis für das Warum, die findet sich nun mal in der Lerntheorie – und die ist an sich ja schon ausgesprochen spannend; ich könnte stundenlang darüber hören oder lesen, ohne je müde zu werden.

Nach der Analyse der Lerngesetze teilte Nicole uns jeweils ihre Einschätzung der Vor- und Nachteile der einzelnen Methoden mit. Auch diesen Punkt fand ich sehr spannend – nicht zuletzt darum, weil er der Tendenz, nur eine einzige Methode für gut und richtig zu befinden, die uns leider unter Trainer*innen immer wieder begegnet, so wunderschön entgegengesetzt ist. Zu jeder der vorgestellten Methoden lassen sich Vor- und Nachteile finden, und welche ich anwende, hängt von den Umständen (Hund im Tierheim? Hund einer Privatperson? Etc.) und von den jeweiligen zwei- und vierbeinigen Klient*innen ab. Nicole fand an jeder Methode objektive Vor- und Nachteile (was nicht heißt, dass sie selbst alle Methoden anwenden würde) und betonte, dass es in der Praxis häufig zu Mischformen kommt. Tatsächlich ist das fast immer der Fall – lupenrein sind Methoden höchstens in der Theorie, und selbst dann basieren sie oft auf denselben Lerngesetzen. Es muss nicht darum gehen, die einzelnen Methoden zu ranken und zu vergleichen – sie dürfen einander durchaus ergänzen, und auch ein situationsbezogener fliegender Wechsel kann, ja soll sogar stattfinden. Und wenn wir trotz dem Dschungel an Akronymen auch noch wissen, was wir da eigentlich machen, statt einfach nur draufloszutun, sind unsere Erfolgschancen größer, unsere Erklärungen verständlicher und unsere Umsetzung fehlerfreier.

Die Ansätze, die Nicole vorstellte, waren konkret:

  1. Click and Retreat (Ian Dunbar und Suzanne Clothier)

Der Mensch geht auf den Hund zu, wirft ein Leckerli und entfernt sich sogleich wieder. Alternativ kann das Leckerli hinter den herankommenden Hund geworfen werden, sodass es der Hund ist, der sich entfernen kann.

Lerngesetzen im Hintergrund: klassische Gegenkonditionierung, DRO und R-.

Vorteile:

– Ein guter Ansatz für Hunde, die bereits über der Reizschwelle sind. Wenn mir ein bereits aufgeregt kläffender Hund begegnet, kann ich ihm ruhig ein Leckerli zuwerfen, bevor ich mich entferne.

– Click & Retreat gibt dem Hund die Möglichkeit, sich zurückzuziehen – es gibt dem Hund Kontrolle.

Nachteile:

– Nur interessant bei Angst/Aggression gegenüber Menschen.

– Aufgrund mangelnder Rückzugsmöglichkeiten für Mensch und Hund schwierig in kleinen Räumen umzusetzen (z.B. Tierheim).

  1. LAT (Look at That!, Leslie McDevitt)

Was soll ich sagen … LAT ist eins meiner Lieblingsspiele. Überhaupt bin ich ein großer Control-Unleashed-Fan und finde, dass sich fast alle von Leslies CU-Spielen nicht nur für Agilityhunde, sondern für jeden Hund eignen. Besonders das Puppy Program ist eins der tollsten Welpenbücher, die ich kenne. Also freue ich mich auch jedes Mal, wenn jemand von LAT redet! Bei LAT wird der Hund dafür geclickt, dass er den Trigger ansieht. Später wird dafür ein Signal eingeführt, und noch später clickt der Mensch dafür, dass sich der Hund zurück zu ihm orientiert.

Die Lerngesetze dahinter sind wiederum die klassische Gegenkonditionierung sowie die systematische Desensibilisierung.

Vorteile:

– Emotionale Reaktionen in schwierigen Situationen werden ins Positive verändert.

– Kann in unterschiedlichsten Situationen verwendet werden (z.B. Angst vor Hunden, Menschen, unbekannten Objekten …)

Nachteile:

– Muss unter der Reizschwelle geübt werden, um zu funktionieren.

  1. TACT (Touch Associated Clicker Training; Julie Robitaille & Emma Parsons)

 

Auch diesen Teil und die dazu gezeigten Videos fand ich sehr interessant. Von TACT hatte ich bereits gehört, mich aber noch nie damit auseinandergesetzt. Das werde ich jetzt bestimmt nachholen! Der Ansatz klingt toll, und das Workbook gefällt mir nach einem kurzen Durchblättern. Ein ganz kurz angeschnittener Aspekt, der im Video vorkam, klang besonders spannend für mich: der “secret handshake with strangers”. Ich vermute, dabei handelt es sich darum, dass dem Hund ein Kinn-Touch auf die ausgestreckte Hand beigebracht wird. Wenn ihm ein Fremder die ausgestreckte Handfläche anbietet, darf der Hund dann entscheiden, ob er sein Kinn drauflegen will (oder auch nicht), wofür er von seinem Menschen geclickt und belohnt wird. — Eine spannende Idee! Damit wird der Fremde teil einer vertrauten Struktur, und damit weniger unheimlich. Zugleich bleibt die Entscheidung zur Kontaktaufnahme beim Hund. Auch die Idee, dass der Hund bei TACT sogar an Berührungen gewöhnt wird, gefällt mir gut. Damit geht diese Methode einen Schritt weiter als viele andere.

Nicole meinte, TACT könne auf unterschiedlichste Hunde maßgeschneidert werden, verbindet Massage mit Clickertraining und enthält viele Grundlagenfähigkeiten, die im Alltag nützlich sind. Die Methode soll auch ausgezeichnet durchdacht und in vielen kleinen Schritten systematisch aufgebaut sein, wobei Elemente von LAT, Targeting, Mattentraining und Handtouch vorkommen. Wow – sehr spannend. Ich werde wohl bald mal wieder bei Tawzer bestellen müssen …

Lerntheoretische Elemente: Desensbibilsierung, Gegenkonditionierung, verbindet Massage & Verhaltenstraining.

Vorteile:

– Das Verhaltensrepertoire des Hundes wird erweitert.

– Strukturierter Aufbau. (Ich steh ja auf durchdachte Struktur im Training; Wischiwaschi-Methoden sind so gar nicht meins.)

– Viele Wiederholungen.

Nachteile:

– Kann nur für unerwünschtes Verhalten gegenüber Menschen eingesetzt werden.

– Erfordert viel Management im Alltag.

  1. Click to Calm (Emma Parsons)

ist eine der wenigen vorgestellten Methoden, bei denen der Hund nicht notwendigerweise unter der Reizschwelle bleiben muss. DRL wird angewendet, um den Hund von der unerwünschten Reaktion wegzushapen. Diese Methode hält Nicole für wenig sinnvoll und wendet sie auch selbst nicht an.

Lerntheoretische Hintergründe: operante Strategie (DRL, DRO, DRI), klassische Gegenkonditionierung.

Vorteile:

– Kann bei Aggression gegenüber Hunden und Menschen eingesetzt werden.

– Wirkt bei einem Hund, der ein guter Kandidat dafür ist, unter Umständen schnell, sofern es richtig aufgebaut wird.

Nachteile:

– Trotz allem wird das unerwünschte Verhalten verstärkt.

– Unerwünschte Verhaltensketten können entstehen.

Click to Calm habe ich vor Jahren gelesen und erinnere mich nicht an die Details. Ich weiß aber noch, dass mich etwas an dem Buch gestört hatte – es waren aber nicht die Dinge gewesen, die Nicole aufgezeigt hatte. Ein Blick ins Buch, und ich erinnere mich wieder. Es waren Absätze wie der folgende, die mich störten:

Emma Parsons

(Location 450; Click to Calm. Healing the Aggressive Dog. Parsons, Emma. Waltham: Sunshine Books, 2005. Kindle E-Book.)

Der zitierte Absatz spielt auf längst widerlegte Trainingsprinzipien an, was dem Buch einen unangenehmen Beigeschmack verleiht. Trotzdem enthält es auch Ideen – konkret eine -, die ich gern empfehle: Oft hat der Hund einen potentiellen Stressor noch gar nicht entdeckt, wenn die Reaktion seines Menschen ihn bereits in Alarmbereitschaft versetzt. Wenn es dir nicht gelingt, deine eigenen Stressreaktionen (verkrampfte Körperhaltung, beschleunigter Schritt, schnelles Atmen, plötzliches Luftholen, unwillkürliches Spannen der Leine etc.) zu unterdrücken, lehre deinen Hund in einer entspannten Situationen, dass diese deine Stresssignale Gutes für ihn bedeuten, indem du sie z.B. mit Leckerlis verknüpfst.

Auch die am Ende des Buches angeschnittene Idee, Beschwichtigungssignale unter Signal zu setzen, d.h. sie einem Hund, der Probleme im Umgang mit anderen Hunden hat, quasi wie eine Fremdsprache zu lehren, fand ich beim Lesen damals faszinierend. Um zu sagen, ob ich sie nützlich oder doch eher unangebracht finde, müsste ich mich aber erst näher damit beschäftigen.

  1. CAT (Constructional Aggression Treatment; Kellie Snider, Jesus Rosales-Ruiz)

Auch über diesen Abschnitt habe ich mich besonders gefreut: Ich kannte bisher nur diese Zusammenfassung zum Thema CAT und das Werbe-Video von Tawzer. In dem Video hätte ich, wie auch Nicole in ihrem Vortrag befand, den Hund verstärkt, sobald der Trigger auftaucht, statt zu warten, bis er bellt und dann wieder aufhört – die schriftliche Zusammenfassung fand ich aber sehr spannend und hatte darum schon länger in Betracht gezogen, mir die DVDs zu schenken: Besonders gefiel mir die Idee, dass CAT unter Umständen schneller wirken könnte als die weniger intrusiven Ansätze, mit denen ich bereits vertraut bin. Nach Nicoles Einschätzung bin ich jetzt aber davon abgekommen und werde mir wohl eher die TACT-Serie bestellen.

Und so sieht CAT in der Praxis aus: Der Klient*innenhund bleibt auf einer Position, aber der Trigger bewegt sich: Der Trigger erscheint. Bellt der Hund, passiert nichts, der Trigger bleibt. Sobald der Hund aufhört, zu bellen, verschwindet der Trigger.

Der lerntheoretische Ansatz dahinter ist also negative Verstärkung von angepasstem/ruhigem Verhalten.

Nicole meinte, sie würde niemandem empfehlen, CAT anzuwenden – es sei denn, es geht nicht andres. So könne es in Tierheimsituationen also durchaus sinnvoll sein. Das leuchtet mir so auch ein.

Vorteile:

– Wenn gut gemacht, kann es zu guten, schnellen Resultaten führen.

Nachteile:

– Nicht geeignet für Otto-Normalhundehalter.

– Muss in verschiedenen Kontexten wiederholt werden.

  1. BAT 2.0 (Behavior Adjustment Training; Grisha Stewart)

BAT ist auch eine Philosophie ganz nach meinem Geschmack: Sie enthält jede Menge Elemente, die im Alltag nützlich sind, und lehrt zugleich, auf den Hund und seine Körpersprache zu achten, um ihm jeweils die größte Kontrolle zuzugestehen, mit der er in einer bestimmten Situation zurechtkommt. Ich fand schon die 1.0-Version gut, und 2.0 gefällt mir ebenso. Die Strandanalogie ist Grisha ebenfalls sehr gut gelungen.

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Wie dem auch sei; ich war gespannt auf Nicoles Analyse, die mir dann auch sehr gut gefallen hat:

Lerngesetze: Gestaltung der Rahmenbedingungen, Desensibilisierung, Generalisation durch natürliche Verstärkung (Erkunden der Rahmenbedingungen, Kontrolle), Signaldiskriminierung, R+, R-.

Vorteile:

– Der Hund – nicht der Mensch! – hat Kontrolle über die Trainingssituation. Das ist empowering!

– Vor dem Training am unerwünschten Verhalten werden wertvolle Kenntnisse für den Alltag aufgebaut (Leinentechnik, Körpersprache, Survival Skills für den Alltag wie Mark & Move, Find it etc.)

– Die Hunde beginnen wieder, mehr zu kommunizieren. (Ein Riesenplus!!)

Nachteile:

– Braucht viele Wiederholungen.

– Schwer verständlich für manche Halter*innen: Es ist gar nicht so leicht, den Hund nicht ständig anzusprechen, sondern ihm einfach nur zu folgen.

Ich mochte auch, dass Nicoles Vortrag kurze Videos beinhaltete – die Länge war jeweils gut gewählt und vermittelte einen kleinen Einblick in die entsprechende Technik, ohne jedoch langatmig zu werden, und machte Lust, selbstständig weiter zu recherchieren, wenn man eine gewisse Technik noch nicht kennt. Nicole wählte teils Videos der jeweiligen Trainer*innen (Grisha, Jesus Rosales-Ruiz & Kellie Snider), eigene Videos aus ihrem Trainingsalltag mit eigenen Hunden oder Kund*innenhunden, aber auch andere Videos z.B. Donna Hill, Sarah Owings oder Jennie Murphy. Gerade dieser eklektische Ansatz hat mir gut gefallen, und auch, dass die vorgestellten Videos nicht immer “perfekt” waren. Schließlich ist auch der Alltag nicht perfekt, und wenn wir uns in der Theorie noch so genau überlegen, wie unser Training ablaufen soll, ist unser Timing dann doch manchmal ungenau, die Leine zu straff, oder wir erkennen erst im Nachhinein, dass wir vielleicht früher vom Trigger hätten abdrehen sollen. Jeder Hund und jede Situation sind anders. Auch orientierten sich die einzelnen Trainingseinheiten in den Videos nicht immer “lupenrein” an einer einzigen Technik, sondern mischten verschiedenes, was die Realität sehr gut widerspiegelt.

Eine weitere Auflockerung wurde durch zwei praktische Übungen erreicht: Einerseits gab’s eine Übung zu Grishas Leinentechnik, andererseits ein Clickerspiel. Ich hatte jeweils tolle Partnerinnen, viel zu lachen und jede Menge Spaß.

Die Leinentechnikübung zeigte sehr gut, wie sanft die Einwirkung beim Slow Stop sein kann, um am Hundeende der Leine doch gefühlt zu werden. Nicole hatte für jedes Team eine Leine dabei, zeigte die Technik kurz vor, erklärte sie wirklich verständnisvoll (Grishas eigene Erklärung auf der DVD hatte ich etwas verwirrender empfunden) und gab uns dann die Möglichkeit, das Ganze in 2er-Teams auszuprobieren. Genug Zeit, um mehrmals die Rollen zu tauschen, aber nicht so viel Zeit, dass uns langweilig hätte werden können.

Die zweite Übung machte gleich noch mehr Spaß. In 3er-Teams gab es jeweils eine*n Schüler*in, eine*n Lehrer*in und eine*n Beobachter*in. Die Schüler*innen wurden aus dem Raum geschickt, während die Lehrer*innen und Beobachter*innen instruiert wurden. Ich war Schülerin, und nachdem ich wusste, dass Nicole kürzlich mit Jesus Rosales-Ruiz und Mary Hunter PORTL gespielt hatte, war ich der festen Überzeugung, dass eine komplexe Verhaltenskette auf uns zukäme.

Schließlich durften wir wieder reinkommen und fanden auf unsren Plätzen mehrere Gegenstände vor:

Nicole 2

Wir wurden in 3 10-Verstärker-Durchgängen von unseren Lehrer*innen geclickt und sollten nach dem 10. Verstärker jeweils aufschreiben, wofür wir meinten, verstärkt worden zu sein, und wie wir uns dabei gefühlt hatten – eine gut durchdachte und ausgesprochen spannende Übung, wie sich herausstellen sollte. Ich kam nach einem anregenden Gespräch über Shelties und JAD-Dogs zurück, freute mich auf die Übung, sah die Gegenstände auf meinem Platz und war bereit, damit zu interagieren. Sobald das Startsignal gegeben wurde, hob ich mit der rechten Hand den Fuchs hoch, wurde geclickt und probierte, ob es auch für das Anheben der Taschenlampe einen Click gäbe. Ja! Und was war mit dem Plastikzahn? Ebenfalls! (“Hah, ich bin so gut!”, denkt sich Chrissi und freut sich an ihrer hohen Verstärkungsrate.) Ich probierte die weiteren Gegenstände durch und begann nach den ersten 4 oder 5 Clicks, mich etwas verunsichert zu fühlen, weil ich kein System erkennen konnte. Ich erhielt eine hohe Verstärkungsrate über die ersten 10 Verstärker hinweg. Anfangs fühlte ich mich gut (yey, hohe Verstärkungsrate!), dann unsicher (alles wird geclickt? Ich erkenne kein System dahinter!) Beim zweiten 10-Verstärker-Durchgang variierte ich die Reihenfolge der Gegenstände, um rauszufinden, ob es um eine bestimmte Reihenfolge ging. Nein! Wiederum war die Verstärkungsrate hoch und ich wurde für alles geclickt, obwohl ich diesmal auch die linke Hand einsetzte und den Zahn bewusst mit der Unterseite nach oben zurücklegte. Nach einem kurzen Hochgefühl aufgrund der hohen Verstärkungsrate stieg meine Irritation weiter an, weil ich immer noch kein System erkannte. Im dritten 10-Verstärker-Durchgang gab es plötzlich keinen einzigen Click mehr, auch nicht für das, was bisher funktioniert hatte. Häh? Was bitte sollte das?! Ich war ratlos und versuchte, die einzelnen Gegenstände höher anzuheben bzw. alle gleichzeitig anzuheben – das war wohl mein Extinction Burst! – und dann wurde die Session nach 30 Sekunden beendet. Ich war mehr ratlos als frustriert, weil ich den Eindruck hatte, nicht ich als Lernende sei “schuld” daran, dass ich das System nicht erkannt hatte, sondern meine Lehrerin – ganz offensichtlich hatte sie vergessen, den Schwierigkeitsgrad zu steigern, was sie schon im Laufe der ersten 10-Verstärker-Session hätte tun sollen, weil ich ja offensichtlich so toll gewesen war und alles richtig gemacht hatte, und dann, in der dritten Session, hatte sie den Schwierigkeitsgrad plötzlich viel zu schnell gesteigert, sodass ich keine Chance mehr hatte, erfolgreich zu sein. Gutes Shaping sieht anders aus, dachte ich mir, während ich sie ausfragte, was sie denn nun eigentlich gewollt hätte. Immer noch war ich der festen Überzeugung, dass ich hätte geshapt werden sollen, und ich wollte jetzt verdammt nochmal bitte endlich wissen, was das Zielverhalten gewesen war! Erst, als meine Lehrerin und die Beobachterin mir immer noch nicht sagen wollten, worum es gegangen war, wuchs meine Frustration. Hey, ich hatte mitgespielt, hatte mich bemüht – ich hatte mir die Lösung redlich verdient, verdammt!

Endlich wurde des Rätsels Lösung verraten: Es war überhaupt nicht um Shaping gegangen, sondern darum, tatsächlich in den ersten beiden Durchgängen für alles zu clicken und im letzten für gar nichts mehr. Das hätte ich so gar nicht erwartet; nie wäre ich darauf gekommen. Ich finde es ausgesprochen spannend, dass ich dieses nicht vorhandene System nicht durchschaut hatte, ja nicht mal im Traum darauf gekommen wäre, dass es kein System dahinter geben könnte! Und fast noch spannender fand ich, wie emotional involviert ich war und wie groß mein Wunsch, endlich die Antwort zu erfahren. (Shaping is, after all, all about surfing the extinction burst …!)

Auch das Feedback der Beobachterin fand ich spannend. Sie meinte, ich sei neugierig, aufgeregt und nervös gewesen, als ich in den Raum gekommen sei, und hätte bereits einen der Gegenstände (das Papier-Ding mit dem Flugzeug drauf) angefasst, bevor die Session überhaupt losging. Dann hätte ich sofort durch Aufheben mit den Gegenständen interagiert – vehementer, als sie selbst das getan hätte. Sie konnte sowohl meine Freude über die hohe Verstärkungsrate als auch meine Ratlosigkeit beobachten. Beim ersten Durchgang schaute ich noch auf die Gegenstände, beim zweiten dann zwischen Gegenständen und Lehrerin hin und her (Gibt mir ihre Körpersprache einen besseren Hinweis als der Click?), und beim dritten Durchgang schaute ich nur noch die Lehrerin an. Bereits nach fünf Sekunden ohne Click machte ich ein enttäuschtes Geräusch und hob die Gegenstände höher an, bzw. mehrere zusammen. Meine Beobachterin fand meine deutliche Enttäuschung nach bereits 5 Sekunden bemerkenswert.

Was mich besonders amüsiert: Ich sehe jede Menge Parallelen dazu, was ich in meinem Pudel beobachte, wenn ich sie zu selten clicke: Ihr “What-the-fuck-give-me-a-hint-mum! Any-hint-will-do!” ist ein forderndes Schnappen in die Luft bzw. Klappern mit den Zähnen. Und genau wie ich ist sie mit Feuereifer bei der Sache, wenn die Verstärkungsrate hoch ist, wirkt aber ebenfalls irritiert bzw. hört schließlich auf, zu experimentieren, wenn ich zu lange bei denselben Kriterien bleibe. Erst nach diesem Spiel wird mir jetzt ganz deutlich klar, was ich vor ein paar Monaten in Phoebe beobachtet habe, während ich Sue Ailsbys Shaping-Kurs besuchte. Ich nehme wohl an, ich löse manchmal ganz ähnliche Gefühle in meinem weißen Flauschtier aus wie meine Lehrerin am Samstag in mir. Ich bin meinem Hund wirklich ausgesprochen ähnlich: hochmotiviert, aber mit geringer Frustrationstoleranz!

Die Implikationen dieses Spiels sind faszinierend:

Wird zu lange dasselbe verstärkt, führt das zu Verwirrung, und wird nichts verstärkt, resultiert das in Frustration. Zweiteres war mir bewusst – ersteres nicht wirklich! Auch kommt das, was wir zu verstärken glauben, oft gar nicht so beim Lerner an. In einer anderen Gruppe war die Schülerin zum Beispiel der festen Überzeugung, bereits im ersten Durchgang würde nur bestimmtes Verhalten ihrerseits verstärkt. Extrem spannend. Ich glaube auch, wenn man so etwas selbst ausprobiert, ist die Wahrscheinlichkeit, es auch beim Hundetraining im Hinterkopf zu behalten, größer, als wenn man sich damit nur in der Theorie auseinandersetzt. Das war ein ausgesprochen gut organisiertes und kurzweiliges Spiel – danke, Nicole!

Anfang und Ende des Vortrags bildeten einen schönen philosophischen Rahmen für den Mittelteil. Nicole hatte uns zu Beginn daran erinnert, dass agonistisches Verhalten ein ganz natürlicher Teil des Ausdrucksverhaltens unserer vierbeinigen Freunde ist und wir im Grunde froh sind, dass unser Hund in der Lage ist, uns mitzuteilen, wenn ihm etwas zu viel wird. Ein wichtiger Gedanke, den man nur zu leicht vergisst!

Nach dem vermeintlichen Shaping-Spiel griff Nicole diesen rosa Faden wieder auf, indem sie uns ins Gedächtnis rief: “Der Organismus der Lerner hat immer recht” – er kann mit seiner Lernerfahrung in jeder Situation nur jeweils so reagieren, wie er das eben tut. Folglich kann es gar “kein ‘abnormales’ Verhalten [geben].” 

 

Das ist nicht nur wissenschaftlich gesehen wichtig, sondern auch ethisch gesehen: Solange wir im Gedächtnis behalten, dass ein Tier immer genau das Verhalten zeigt, das es in einer Situation zeigen kann bzw. muss, gibt es keinen Grund, uns über das Tier zu ärgern – allerhöchstens über uns selbst, weil wir ihm nicht verständlich genug erklärt haben, was wir von ihm wollen.

Auch die beiden anderen Rahmen, die Nicole zu Beginn ihres Vortrags gezogen hatte, schlossen sich am Ende wieder: Erst gab es eine kurze Zusammenfassung, die sich auf die Gemeinsamkeiten der unterschiedlichen Methoden konzentrierte und unter anderem betonte,

– dass das Ziel jeder einzelnen Methode sei, die Lebensqualität der Lerner*innen zu verbessern,

– dass sie alle nicht nur am Problem trainieren, sondern auch wertvolle Alltags-Fertigkeiten aufbauen,

– mit gestellten Set-Ups arbeiten

– und mit zwei Ausnahmen (Click to Calm und CAT) Wert darauf legen, unter der Reizschwelle zu bleiben,

– dass sie alle eine gewisse Zeit in Anspruch nehmen

– und, was ebenso wichtig ist, dass die verschiedenen Ansätze in der Praxis verschwimmen.

Auch diese Schlussbemerkung gefiel mir sehr, weil sie wiederum dem Methodenkrieg, der sich – zumindest im deutschsprachigen Raum – immer wieder abzeichnet, entgegensteht und zeigt, dass es nicht nur vertretbar, sondern sogar wünschenswert ist, sich umfassend fortzubilden und aus verschiedensten Ansätzen für die Praxis eben das herauszuholen, was für einen speziellen Fall am besten passt.

Die letzte Klammer, die Nicole am Ende schloss, ist die allerschönste: Ganz am Anfang hatte sie bereits erwähnt, dass eines der Ziele ihres Vortrags “die Verbreitung tierschutzgerechten Trainings auf Basis wissenschaftlicher Konzepte” sei. Hach, ja! Genau darum sollte es doch in allem gehen, was wir machen! Nicht darum, das eigene Wissen geheimzuhalten, nicht darum, sich zu ärgern, wenn jemand eine unserer Ideen umsetzt, sondern darum, den gemeinsamen Pool an Wissen und ethischen Trainingskonzepten zu vergrößern, indem wir Wissen weitergeben und teilen und damit – wie auch die einzelnen vorgestellten Methoden – die Qualität unseres Trainings erhöhen. Ich mag diesen Gedanken wirklich gerne. Ich glaube, dass unsere Gesellschaft umso freier und humaner wird, je mehr Zugang jede*r Einzelne zu Bildung hat und je größer unser kollektiver Wissensschatz wird – nicht nur, aber auch im Hundetraining. Wissen wird nicht weniger, wenn man es teilt, sondern mehr. Praktische Erfahrungen muss ohnehin jeder für sich selbst sammeln.

Noch ein wunderschönes Nebenbei-Statement von Nicole würde ich gern erwähnen, weil mir auch das sehr gut gefällt und ebenfalls einem Trend entgegensteht: dem Unterschätzen der Hundehalter*innen. Ist das ein Trend im deutschsprachigen bzw. europäischen Raum, oder ist es ein allgemeiner? Zumindest in den Online-Communities, denen ich angehöre, habe ich mitunter den Eindruck, dass der englischsprachige bzw. US-amerikansiche Raum respektvoller mit Hundehalter*innen umgeht als der unsrige. Es scheint, dass manche Techniken darum abgelehnt werden, weil Trainer*innen davon ausgehen, dass Hundehalter*innen diese Techniken nicht verstehen oder falsch umsetzen würden. Für mich impliziert eine solche Einstellung, dass der oder die durchschnittliche Hundehalter*in “dumm” sei – jedenfalls dümmer als die oder der Trainer*in, die die entsprechende Methode schließlich auch verstanden hat.

Nicole begegnete einem entsprechenden Kommentar aus dem Publikum, indem sie überzeugt erklärte, dass ihrer Erfahrung nach Hundehalter*innen sehr wohl in der Lage seien, das Kleingedruckte der Körpersprache lesen zu lernen. Das finde ich schön, und ich teile ihre Meinung da auf jeden Fall. Ich gehe davon aus, dass die meisten dazu in der Lage sind, all das zu lernen, was ich selbst weiß; schließlich bin ich nicht klüger oder irgendwie “besser” als meine Mitmenschen, sondern habe höchstens ein kleines bisschen mehr Erfahrung oder Wissen in Bezug auf Fachgebiet A, während mein Mitmensch wiederum mehr Erfahrung oder Wissen in Bezug auf Fachgebiet B mitbringt. Und genauso, wie ich davon ausgehe, dass ich eine Expertin in Fachgebiet B werden könnte, wenn ich das wollte oder es nötig werden sollte, gehe ich auch davon aus, dass jeder meiner Mitmenschen ein*e Expert*in in Fachgebiet A werden kann, wenn er will oder muss. Genau wie unsere Hunde sind wir Menschen nämlich richtig gut darin, uns anzupassen und Neues zu lernen, sofern wir auf eine entsprechende Verstärkungsgeschichte zurückblicken. Und genau wie es nicht die Schuld des Organismus Hund ist, wenn er ein Trainingsziel nicht erreicht, sondern wir es verständlicher oder schlicht noch einmal erklären sollten, ist es nicht die Schuld des Organismus Mitmensch, wenn er eine Trainingsmethode nicht versteht – vielleicht sollten wir uns einfach nochmal gemütlich zusammensetzen, zuhören, auf Fragen eingehen und Unklarheiten beseitigen, ohne uns angegriffen zu fühlen.

Auch dieses respektvolle Eingehen auf Fragen und abweichende Meinungen – und auch das ist etwas, das ich umso mehr zu schätzen weiß, je mehr Vortragende mir begegnen – ist Nicole am Samstag ganz ausgezeichnet gelungen. Sie hat das Publikum zur Mitarbeit aufgefordert und sich offen auf Fragen eingelassen. Schön finde ich das – so schön. Denn, und das vergessen wir leider auch viel zu leicht: Nicht  nur unsere Hunde, sondern auch unsere Mitmenschen profitieren von Empowerment.

Danke also, Nicole, für einen inspirierenden Tag!

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